ADHS
Volenté, 32 Jahre alt, leidet seit ihrer Kindheit an ADHS. Die Krankheit wurde erst 2008 diagnostiziert. Sie arbeitet in einem geschützten Atelier.
«Mit zehn Jahren musste ich einen psychologischen Test machen. Ich hatte schlechte Noten, konnte nicht ruhig sitzen, war unkonzentriert, redete viel zu schnell, vergass ständig meine Schulsachen. Das sind typische Symptome von ADHS, das heisst Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Aber daran dachte niemand bei der Abklärung, auch in der anschliessenden Therapie. Alles wurde mit meiner Kindheit zu erklären versucht. Die war nicht einfach: Ich bin 1978 in Südafrika geboren, meine Mutter war Südafrikanerin. Als ich zwei war, zog sie mit mir in die Schweiz, wo mein Vater lebte, er ist Schweizer. Nach einem Jahr trennten sich meine Eltern. Weil meine Mutter psychische Probleme hatte und übermässig Alkohol trank, kam ich in eine Pflegefamilie, gegen den Willen meines Vaters. Das war damals noch so. Mit neun Jahren kam ich in die zweite Pflegefamilie.
Mit Nachhilfeunterricht ging es besser in der Schule. Zu Hause konnte ich mich austoben, im Wald umherrennen, wir lebten auf dem Land. Ich ordnete die Zeit, indem ich einen Plan an die Tür hängte. Da war notiert, wann ich Aufgaben machte, aufräumte oder freihatte.
Mit 16 fand ich eine Methode, mich zu beruhigen: Cannabis rauchen und Whisky trinken. So konnte ich ruhig dasitzen. Und einschlafen, ohne dauernd an etwas herumzustudieren. 1996 begann ich eine Bürolehre, da trank ich nur noch abends, aber bis zu einer Flasche täglich. Als sich 1997 meine Mutter umbrachte, ging es mir sehr schlecht. Ich konnte nicht mehr schlafen und liess mich ambulant im Spital behandeln, erhielt Schlafmittel und Antidepressiva. Dann ging ich zwei Jahre in eine Psychotherapie, da sprachen wir wieder über meine Kindheit.
1998 schloss ich die Lehre ab und begann eine Informatikausbildung. Jetzt wurde mir bewusst, wie schlecht ich mich konzentrieren konnte. Ich musste die Ausbildung abbrechen. Danach ging ich zu Sulzer, wo ich Maschinenzeichnungen einscannte, dann wechselte ich als Datentypistin zur Credit Suisse. Die Arbeit gab mir eine klare Struktur, am Morgen war ich im Büro, wegen eines Rückenleidens bin ich nur 50 Prozent arbeitsfähig, am Nachmittag war ich zu Hause, kochte, ging spazieren. Fast jeden Abend ging ich in den Ausgang.
2002 lernte ich meinen Freund kennen, im Jahr darauf verlobten wir uns, 2005 heirateten wir und zogen zusammen. Mein Ablauf kam völlig durcheinander. Da merkte ich, dass mit mir etwas nicht stimmte. Um 18 Uhr gab es Nachtessen, das war für mich klar, doch mein Mann kam oft später von der Arbeit. Es gab Streit. Und nach dem Essen sassen wir auf dem Sofa und gingen nicht mehr aus. Mir fehlte die Stimulation, ich rastete schnell aus, dann wieder war ich niedergeschlagen.
Ende 2007 gab mir eine Freundin das Buch «Zwanghaft zerstreut oder Die Unfähigkeit, aufmerksam zu sein». Darin wird anhand vieler Beispiele beschrieben, was ADHS ist. Ich erkannte mich wieder, eins zu eins. Anfang 2008 ging ich zu einer Psychologin, die auf ADHS spezialisiert ist. Die neurologischen Tests waren eindeutig. Seither mache ich eine Psychotherapie, einmal die Woche Gespräche und Coaching. Und ich bekam Ritalin verschrieben. Die Wirkung ist erstaunlich: Ich bin konzentrierter, kann zuhören, ohne gleich dreinzureden.
Als ich spazierenging, hörte ich plötzlich einzelne Vögel, das war komisch, früher war es stets bloss eine Geräuschkulisse gewesen. Einzig das Keyboardspielen machte keinen Spass mehr, ich hörte all die Fehler, die ich machte. Seit ich Ritalin nehme, geht es auch motorisch viel besser, ich stosse mich nicht mehr an Türrahmen. Und ich kann zum ersten Mal schöne Kreise machen beim Zähneputzen, zuvor war das immer ein Hickhack gewesen mit der Bürste.
Ich nehme zwei Tabletten pro Tag, eine morgens um viertel nach sechs, ich stelle extra den Wecker, dann lege ich mich nochmals hin. Abends nehme ich eine zweite, damit ich schlafen kann. Wenn ich tagsüber etwas konzentriert machen will, etwa Rechnungen bezahlen, nehme ich zusätzlich eine halbe Tablette. Verlangen nach Alkohol habe ich keines mehr. Der Whisky war mein Medikament.
Die Psychotherapie half mir auch, die Trennung von meinem Mann und 2009 die Scheidung zu überstehen. Da bin ich nochmals in ein Loch gefallen, war krank geschrieben. Nun lebe ich allein. Zu Hause läuft fast immer der Fernseher oder Musik. Wäre es still, käme mir dauernd etwas anderes in den Sinn, dann würde ich zum Beispiel die Pfanne auf dem Herd vergessen und in einem anderen Zimmer etwas aufräumen.
Im Herbst 2010 habe ich wieder begonnen zu arbeiten, in einem geschützten Atelier. Ich webe Handtücher, klebe Karten, schleife Holzteile. Was ich später mache, weiss ich noch nicht. Wichtig ist, dass der Tag gut strukturiert ist.»
Volenté, 32 Jahre alt, leidet seit ihrer Kindheit an ADHS. Die Krankheit wurde erst 2008 diagnostiziert. Sie arbeitet in einem geschützten Atelier.
«Mit zehn Jahren musste ich einen psychologischen Test machen. Ich hatte schlechte Noten, konnte nicht ruhig sitzen, war unkonzentriert, redete viel zu schnell, vergass ständig meine Schulsachen. Das sind typische Symptome von ADHS, das heisst Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Aber daran dachte niemand bei der Abklärung, auch in der anschliessenden Therapie. Alles wurde mit meiner Kindheit zu erklären versucht. Die war nicht einfach: Ich bin 1978 in Südafrika geboren, meine Mutter war Südafrikanerin. Als ich zwei war, zog sie mit mir in die Schweiz, wo mein Vater lebte, er ist Schweizer. Nach einem Jahr trennten sich meine Eltern. Weil meine Mutter psychische Probleme hatte und übermässig Alkohol trank, kam ich in eine Pflegefamilie, gegen den Willen meines Vaters. Das war damals noch so. Mit neun Jahren kam ich in die zweite Pflegefamilie.
Mit Nachhilfeunterricht ging es besser in der Schule. Zu Hause konnte ich mich austoben, im Wald umherrennen, wir lebten auf dem Land. Ich ordnete die Zeit, indem ich einen Plan an die Tür hängte. Da war notiert, wann ich Aufgaben machte, aufräumte oder freihatte.
Mit 16 fand ich eine Methode, mich zu beruhigen: Cannabis rauchen und Whisky trinken. So konnte ich ruhig dasitzen. Und einschlafen, ohne dauernd an etwas herumzustudieren. 1996 begann ich eine Bürolehre, da trank ich nur noch abends, aber bis zu einer Flasche täglich. Als sich 1997 meine Mutter umbrachte, ging es mir sehr schlecht. Ich konnte nicht mehr schlafen und liess mich ambulant im Spital behandeln, erhielt Schlafmittel und Antidepressiva. Dann ging ich zwei Jahre in eine Psychotherapie, da sprachen wir wieder über meine Kindheit.
1998 schloss ich die Lehre ab und begann eine Informatikausbildung. Jetzt wurde mir bewusst, wie schlecht ich mich konzentrieren konnte. Ich musste die Ausbildung abbrechen. Danach ging ich zu Sulzer, wo ich Maschinenzeichnungen einscannte, dann wechselte ich als Datentypistin zur Credit Suisse. Die Arbeit gab mir eine klare Struktur, am Morgen war ich im Büro, wegen eines Rückenleidens bin ich nur 50 Prozent arbeitsfähig, am Nachmittag war ich zu Hause, kochte, ging spazieren. Fast jeden Abend ging ich in den Ausgang.
2002 lernte ich meinen Freund kennen, im Jahr darauf verlobten wir uns, 2005 heirateten wir und zogen zusammen. Mein Ablauf kam völlig durcheinander. Da merkte ich, dass mit mir etwas nicht stimmte. Um 18 Uhr gab es Nachtessen, das war für mich klar, doch mein Mann kam oft später von der Arbeit. Es gab Streit. Und nach dem Essen sassen wir auf dem Sofa und gingen nicht mehr aus. Mir fehlte die Stimulation, ich rastete schnell aus, dann wieder war ich niedergeschlagen.
Ende 2007 gab mir eine Freundin das Buch «Zwanghaft zerstreut oder Die Unfähigkeit, aufmerksam zu sein». Darin wird anhand vieler Beispiele beschrieben, was ADHS ist. Ich erkannte mich wieder, eins zu eins. Anfang 2008 ging ich zu einer Psychologin, die auf ADHS spezialisiert ist. Die neurologischen Tests waren eindeutig. Seither mache ich eine Psychotherapie, einmal die Woche Gespräche und Coaching. Und ich bekam Ritalin verschrieben. Die Wirkung ist erstaunlich: Ich bin konzentrierter, kann zuhören, ohne gleich dreinzureden.
Als ich spazierenging, hörte ich plötzlich einzelne Vögel, das war komisch, früher war es stets bloss eine Geräuschkulisse gewesen. Einzig das Keyboardspielen machte keinen Spass mehr, ich hörte all die Fehler, die ich machte. Seit ich Ritalin nehme, geht es auch motorisch viel besser, ich stosse mich nicht mehr an Türrahmen. Und ich kann zum ersten Mal schöne Kreise machen beim Zähneputzen, zuvor war das immer ein Hickhack gewesen mit der Bürste.
Ich nehme zwei Tabletten pro Tag, eine morgens um viertel nach sechs, ich stelle extra den Wecker, dann lege ich mich nochmals hin. Abends nehme ich eine zweite, damit ich schlafen kann. Wenn ich tagsüber etwas konzentriert machen will, etwa Rechnungen bezahlen, nehme ich zusätzlich eine halbe Tablette. Verlangen nach Alkohol habe ich keines mehr. Der Whisky war mein Medikament.
Die Psychotherapie half mir auch, die Trennung von meinem Mann und 2009 die Scheidung zu überstehen. Da bin ich nochmals in ein Loch gefallen, war krank geschrieben. Nun lebe ich allein. Zu Hause läuft fast immer der Fernseher oder Musik. Wäre es still, käme mir dauernd etwas anderes in den Sinn, dann würde ich zum Beispiel die Pfanne auf dem Herd vergessen und in einem anderen Zimmer etwas aufräumen.
Im Herbst 2010 habe ich wieder begonnen zu arbeiten, in einem geschützten Atelier. Ich webe Handtücher, klebe Karten, schleife Holzteile. Was ich später mache, weiss ich noch nicht. Wichtig ist, dass der Tag gut strukturiert ist.»
Thomas Schenk ist freier Journalist und Schriftsteller
http://www.thomasschenk.ch
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